Dichtes, gedimmtes Licht, der Geruch von kaltem Kaffee und ein Bass, der so tief drückt, dass er vibrierend durch die Magengrube kriecht. Vor der massiven LED-Wand des Mischpults sitzt ein Typ in Kapuzenpullover, zieht lässig an den Fadern, schneidet die Vocals der Sängerin in der Gesangskabine zurecht und nickt im Takt. Es ist das klassische Bild, das und Hollywood und unzählige Musik-Dokus seit Jahrzehnten in den Kopf hämmern, wenn es um die Entstehung eines Hits geht. Doch während die Frauen vor dem Mikrofon im Rampenlicht alles geben, die Bühnen rocken und die Streams dominieren, bleibt die Schaltzentrale dahinter fast immer eine reine Männerhöhle. Es ist höchste Zeit, das Spotlight dorthin zu richten, wo der Sound eigentlich geschmiedet wird, und die verstaubten Besitzansprüche an den Mischpulten dieser Welt radikal zu hinterfragen.

 

Der Status Quo

 

Der Blick auf die nackten Zahlen im DACH-Raum ist ernüchternd und fühlt sich an wie ein verstaubtes Relikt aus dem letzten Jahrhundert. In Deutschland und Österreich krebst der Anteil an weiblichen Produzentinnen laut aktuellen Studien der MaLisa-Stiftung und Branchenerhebungen immer noch im einstelligen Bereich herum. Gerade einmal mickrige zwei bis vier Prozent der Menschen, die offiziell hinter den Hits in den Charts stehen, sind Frauen oder FLINTA*-Personen. Während sich vor den Mikrofonen einiges bewegt und diverse Acts die Indie- und Rap-Szene aufmischen, bleibt die technische Machtstruktur der Musikindustrie fest in männlicher Hand. Diese krasse Disbalance ist kein Zufall, sondern das logische Ergebnis eines tief sitzenden, strukturellen Problems.

 

Systemfehler: Warum Frauen die Regler verwehrt bleiben

 

Die Gründe für diesen extrem niedrigen Frauenanteil sind so vielschichtig wie ein gut abgemischter Track. Es fängt schon bei der Sozialisation an, denn Technik wird Jungs oft schon im Kindesalter als natürliches Spielfeld verkauft, während Mädchen eher in die performative Ecke gedrängt werden. Wenn eine junge Frau dann den Mut fasst, sich in eine Audio-Ausbildung oder ein Studio zu wagen, trifft sie auf einen veritablen Boy’s Club. Die gläserne Decke im Studio besteht aus informellen Männer-Netzwerken, die sich beim Bier im Backstage die Jobs zuschustern, und aus subtilen Sexismen, die Frauen die technische Kompetenz schlichtweg absprechen. Eine Frau am Mischpult muss sich dreimal so oft erklären und beweisen wie ihr männlicher Kollege, um überhaupt ernst genommen zu werden. Zudem beißen sich die unregelmäßigen, oft nächtlichen Studio- Aritszeiten massiv mit den traditionellen Rollenbildern der unbezahlten Care-Arbeit, die gesellschaftlich immer noch meistens an den Frauen hängen bleibt.

 

Internationale Pionierinnen und Ikonen

 

Dabei zeigt der Blick auf die internationale Ebene, wie genial die Musikwelt klingt, wenn Frauen das Ruder übernehmen. Pionierinnen wie Sylvia Massy, die den fetten Sound für Tool und die Red Hot Chili Peppers geschraubt hat, oder die legendäre Elektro-Künstlerin Wendy Carlos haben Meilensteine gesetzt. In der jüngeren Geschichte hat die genialeLinda Perry Pophits für Pink und Christina Aguilera am Fließband produziert, während visionäre Produzentinnen wie die verstorbene SOPHIE oder Tokimonsta den elektronischen Sound der Gegenwart komplett revolutioniert haben. Diese Frauen haben bewiesen, dass ein weiblicher Blick auf die Produktion oft ganz neue emotionale und klangliche Dimensionen eröffnet.

 

Selfmade-Soundkünstlerinnen

 

Besonders spannend wird es, wenn weibliche Megastars beschließen, die Sache einfach selbst in die Hand zu nehmen und ihre Musik im Alleingang zu produzieren. Pop-Ikonen wie Beyoncé, Taylor Swift und vor allem Grimes oder Billie Eilish mit ihrem Bruder Finneas kontrollieren jeden einzelnen Ton ihrer Alben. Wenn eine Künstlerin ihre eigene Musik produziert, bricht sie das patriarchale Abhängigkeitsverhältnis zu einem männlichen Produzenten auf, der ihr vorschreibt, wie sie zu klingen hat. Das bringt nicht nur die absolute künstlerische Freiheit und einen unverfälschten, authentischen Vibe, sondern verschiebt auch die finanzielle Macht, da die lukrativen Produktionsrechte und Tantiemen direkt bei der Künstlerin bleiben.

 

Die Wende: Support-Strukturen und neue Netzwerke Um dieses dicke Brett der Ungleichheit im deutschsprachigen Raum endlich zu bohren, gibt es mittlerweile glücklicherweise ein paar verdammt starke Initiativen und Preise. Formate wie der Female* Producer Prize, der von Sony Music und Music Women* Germany ins Leben gerufen wurde, zeichnen gezielt talentierte Produzentinnen aus und geben ihnen eine Bühne sowie wertvolle Masterclasses. Auch das Female* Producer Collective leistet mit Mentoring-Programmen und Workshops echte Basisarbeit für die Vernetzung im Studio. Ganz frisch am Start ist die Initiative Women Create Music, die nachhaltige Förderstrukturen in Deutschland etabliert, während in Österreich Netzwerke wie der Grrrls Kulturverein dafür sorgen, dass FLINTA*-Personen den Umgang mit der Producing-Software Ableton oder Logic ohne Mansplaining lernen können.

 

Die Studios gehören uns

 

Der Weg zu einer gerechten Musiklandschaft ist noch lang, aber die Revolution hinter den Reglern läuft bereits. Wenn du da draußen sitzt, nächtelang an Beats schraubst, Frequenzen analysierst und den perfekten Bass suchst, dann lass dir von absolut niemandem einreden, dass das Studio nicht dein Platz ist. Schnapp dir die Regler, trau dich was und zeig der Welt, was du kannst! Die Musikindustrie braucht deinen Sound, deine Perspektive und deine Skills dringender denn je, so make a step und schreib die Zukunft des Sounds neu.

 

Stay iconic, stay noisy!